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252 Euro netto die Stunde – und trotzdem ist immer die Versicherung schuld

19.02.2026 von Mathias Baur

Es ist schon faszinierend, wie zuverlässig sich manche Rituale halten. Weihnachten kommt jedes Jahr. Der TÜV kommt alle zwei. Und sobald die Kfz-Versicherung teurer wird, kommt garantiert auch die nächste empörte Frage:

„Warum wird das schon wieder teurer?!“

Der Tonfall dabei ist meist irgendwo zwischen „Ich werde ausgeraubt“ und „Das ist ja wohl Abzocke“. Man rechnet, schüttelt den Kopf, droht (symbolisch) mit Anbieterwechsel – und findet das alles ganz, ganz schlimm.

Und dann passiert das Interessanteste: Man fährt zur Werkstatt.

Da wird nicht geschimpft. Da wird nicht diskutiert. Da wird nicht hinterfragt. Da wird – wenn überhaupt – kurz die Stirn gerunzelt, als hätte man gerade gesehen, dass Butter schon wieder 20 Cent teurer ist. Und danach läuft es wie immer:

„Ja gut… muss halt.“

Wirklich? Muss halt?

Der Ellenator, das Reh und die Kunst, nicht ins Reh zu fahren

Vergangene Woche meldet einer unserer Kunden einen Schaden an seinem Ellenator. Für alle, die das Ding nicht kennen: Das ist ein FIAT 500, der zum Dreirad umgebaut wurde. Und weil er damit als Dreirad läuft, darf man ihn – je nach Konstellation – schon ab 16 Jahren fahren. Kurz gesagt: Der Einstieg in die automobile Freiheit, nur eben mit einem Rad weniger und einem Preis, der sich dafür anfühlt wie ein Rad zu viel.

Was war passiert? Ein Reh lief über die Fahrbahn.

Und jetzt kommt der Moment, wo sich das Schicksal entscheidet:
Man kann entweder direkt aufs Reh zielen (schlechter Stil, schlechte Presse), oder man macht das, was man intutiv macht: ausweichen.

Unser junger Fahrer wich aus. Und wich… in den Graben.

Fazit: komplette rechte Seite beschädigt. Technisch – und das ist das Beste daran – wäre dieses 15-kW-Gefährt wunderbar reparabel. Wirklich. Keine Mondlandung, kein SpaceX-Engineering. Karosseriearbeiten, Teile, Lack. Handwerk. Machbar.

Aber dann kam der Gutachter. Und der tat, was Gutachter tun müssen: Er rechnete.

Wirtschaftlicher Totalschaden – weil Arbeitszeit inzwischen als Luxusgut gilt

Die Diagnose lautete: wirtschaftlicher Totalschaden. Nicht, weil man es nicht reparieren könnte.
Sondern weil es – Achtung, jetzt kommt’s – am Stundenverrechnungssatz scheitert.

252 Euro netto pro Stunde. Netto.

Das sind 299 Euro brutto. Pro Stunde. Für Werkstattarbeit.

Und jetzt bin ich alt genug, um mich noch an diese romantische Zeit zu erinnern: die D-Mark. Damals gab es noch Telefonzellen, Bravo-Hefte und Werkstattrechnungen, bei denen man nicht automatisch einen Notar dazuholen wollte.

Rechnen wir das um – nur fürs Gefühl: Das sind grob fast 600 DM pro Stunde.

Wer bitte hätte damals gesagt:
„Ach ja, 600 Mark pro Stunde… klingt fair. Machen Sie mal.“

Niemand. Wirklich niemand.

Heute aber: Schulterzucken. Versicherungsfall. „Die Versicherung regelt das schon.“
Und damit ist der Preis plötzlich nicht mehr Preis – sondern so eine Art Naturgesetz. Wie Regen. Oder Steuererhöhungen.

Die Werkstatt verliert den Auftrag – und irgendwer gewinnt ihn trotzdem

Und jetzt kommt die Pointe, die eigentlich tragisch ist:

Weil der Satz so hoch ist, wird nicht repariert.

Die Werkstatt bekommt keinen Auftrag. Der Ellenator landet in der Restwertbörse.
Käufer wird vermutlich jemand, der das Fahrzeug dort repariert, wo ein Stundenlohn eben nicht bei 252 Euro netto anfängt, sondern irgendwo deutlich näher an dem liegt, was normale Menschen als „Lohn“ bezeichnen.

Vielleicht wird es „irgendein Osteuropäer“ – wie man so salopp sagt, wenn man meint: „Jemand, der noch rechnen kann.“
Vielleicht wird es auch eine Werkstatt in Deutschland, die günstiger repariert und das Ding danach wieder verkauft.

Wie auch immer: Repariert wird es sehr wahrscheinlich.
Nur halt nicht dort, wo es entstanden ist – und nicht zu dem Preis, der hier angeblich alternativlos ist.

Das ist das eigentliche Meisterstück: Der hohe Stundenverrechnungssatz sorgt dafür, dass Arbeit verschwindet.
Und am Ende wundern sich alle, warum die Versicherung teurer wird.

Transparenz? Ja. Aber bitte nicht bei Arbeitswerten. Und nicht beim Preisaushang.

Und dann dieses nächste kleine Wunder der modernen Welt: die Intransparenz.

Warum kann man nicht einfach verständlich draufschreiben:

Stundensatz: X Euro
Arbeitszeit: Y Stunden
fertig.

Stattdessen wird mit Systemen gearbeitet, die technisch vielleicht Sinn ergeben, für den Kunden aber wirken wie ein Escape-Room:

VW arbeitet mit 100 Zeiteinheiten pro 60 Minuten, BMW mit 12 Arbeitswerten, andere mit 10 Arbeitswerten

Und lustigerweise – ganz zufällig natürlich – sieht der Kunde diese Zahlen auf der Rechnung oft gar nicht. Die werden „ausgeblendet“. Man könnte ja sonst anfangen zu fragen. Und Fragen sind bekanntlich schlecht fürs Wohlbefinden – vor allem für das derer, die sich gerade erklären müssten.

Noch hübscher wird’s beim Thema Preisaushang. Den gibt es nämlich. Werkstätten müssen ihre Preise aushängen. Theoretisch. Praktisch ist das dann oft ein DIN-A4-Blatt, das so platziert ist, dass man es nur findet, wenn man ohnehin schon auf der Suche ist: irgendwo seitlich hinter der Kaffeemaschine, neben dem Altöl-Regal, halb verdeckt von einem Aufsteller „Räderwechsel ab 39,90“, oder auf Augenhöhe für Menschen mit 1,32 Metern Körpergröße.

Und warum? Ganz einfach:
Weil man sonst auf die Idee kommen könnte, nachzufragen. Zu diskutieren. Vielleicht sogar zu vergleichen. Und das wollen wir natürlich nicht. Wir wollen ja „einfach nur helfen“ – am liebsten ohne Rückfragen.

Gerade wenn es über die Versicherung läuft, wird das Prinzip dann perfektioniert:
Rechnungen werden nicht selten am Kunden vorbei direkt an die Versicherung übermittelt.

Und damit ist die Sache psychologisch perfekt: Der Kunde sieht die Rechnung nicht, also kann er sich nicht aufregen.
Und wenn er sich nicht aufregen kann, regt er sich über etwas anderes auf – zum Beispiel über die Versicherung.

Verbraucherschutz – aber bitte nur da, wo es nicht stört

Sonst wird „Verbraucherschutz“ ja großgeschrieben. Überall. Immer. Plakate, Broschüren, Aufklärung, Warnhinweise. Aber bei Werkstattpreisen wirkt das Konzept, als hätte man es aus Versehen im Pausenraum liegen lassen.

Hier wird Transparenz nicht gefördert – sie wird vermieden.

Und ja: Ich unterstelle das sogar mit voller Absicht.

Denn wenn der Kunde auf einer Rechnung schwarz auf weiß sähe:
299 Euro brutto pro Stunde
…dann gäbe es plötzlich Diskussionen.

Dann würde man nicht nur „etwas“ mit der Stirn runzeln.
Dann würde man vielleicht die Augenbrauen so weit hochziehen, dass sie beim nächsten Ölwechsel gleich mitgewechselt werden müssten.

Und jetzt die unbequeme Frage

Wenn wir ehrlich sind, haben wir ein merkwürdiges System geschaffen:

Über steigende Versicherungsbeiträge wird leidenschaftlich geschimpft. Über Werkstattpreise wird maximal geseufzt. Und am Ende zahlen alle – nur keiner will’s gewesen sein.

Dabei ist die Kfz-Versicherung nicht der Ort, an dem Kosten entstehen. Sie ist nur der Ort, an dem Kosten ankommen. Die Werkstattpreise sind nicht „ein bisschen gestiegen“. Sie sind in Teilen explodiert. Und solange wir so tun, als wäre das normal, wird sich genau nichts ändern.

Außer dem Beitrag. Der steigt weiter. Und dann reden wir wieder drüber – beim nächsten Stirnrunzeln.